Etagengespräch: Interview mit Peter Bömmels

 Peter Bömmels
In jedem Stockwerk der Frankfurter Zwillingstürme der Deutschen Bank hängen Bilder jeweils eines bestimmten Künstlers. Im 12. Stock sind es die Arbeiten von Peter
Bömmels. Im Rahmen der Etagengespräche, zu denen die Mitarbeiter der
Deutschen Bank "ihre" Künstler einladen, um mehr über die Kunst an ihrem
Arbeitsplatz zu erfahren, war Peter Bömmels jüngst zu Gast auf "seiner" Etage. Im Interview schildert er seine Eindrücke
von diesem Gespräch und erzählt, warum er nie "Bömmels, der Haarkünstler"
werden wollte.
Herr Bömmels, war das Gespräch für Sie persönlich
interessant und sinnvoll, oder haben Sie nachträglich Zweifel, ob sich
"Kunst am Arbeitsplatz" durch ein Gespräch eingehender vermitteln lässt?
Ich
bin sicher, dass die Mitarbeiter der 12. Etage meine Bilder nach unserem
Gespräch mit weniger Scheu und offeneren Auges betrachten und beachten
werden. Hinter den merkwürdigen Bildangeboten steckt auch nur ein Mensch,
mag sich die Bankergemeinde gedacht haben. Natürlich besteht die Gefahr,
dass meine Erzählungen zu den Bildern als die "einzig wahre Sicht" auf
diese missverstanden werden können. Aber die lebhaften Gegeninterpretationen
der Mitarbeiter bestätigten das produktive Eigenleben der Bilder auf's
Anschaulichste. Ich selbst bin da höchstens und gerne Animateur.
Gab
es überraschende Momente?
Ich war erstaunt über die "unorthodoxen"
Arbeitszeiten der "Banker(innen)" und erfreut über ebensolche Fragehaltungen
den Bildern und mir gegenüber. Die Mitarbeiter stellten gezielte und hintergründige
Fragen zu den Erzählfigurationen der Bilder und glichen sie mit "ihrem
Bild" der Bilder ab. Man sollte nicht aus den Augen verlieren, dass die
Kunst in den Fluren und vor den Aufzügen (vor allem dort!), die nicht unbedingt
ihre "Wunsch-Kunst" ist, gleichwohl zu ihrem Alltag gehört.
Ist
es für Sie von Bedeutung, wo Ihre Arbeiten positioniert sind, in einem
Kunstraum oder in einer Büroetage?
Wichtig ist, dass die Bilder
(zwar nicht immer, aber von Zeit zur Zeit...) mit der nötigen Ruhe und
Konzentration betrachtet werden können. Ich glaube, dass es trotz der Hektik
des Arbeitsalltags genügend solcher Momente auf der 12. Etage gibt. Ich
möchte Bilder bereitstellen, die allzu menschliche (und damit auch allzu
tierliche, allzu pflanzliche) Befindlichkeiten höchst eigensinnig in eine
figurative Form verdichten und damit erinnerbar und produktiv machen. Ingredienzien
der Bildfindungen sind Liebe und Humor.

 Ich verhangen (noch) zu, 1999
Ihr bevorzugtes Medium
ist die Zeichnung. Weshalb?
Im Zeichnen kann ich am unmittelbarsten
und ökonomischsten automatische Teile (die Linie fließt wie sie kommt)
und assoziativ reflektierende Teile (meist mittels Weg- und Her-Radieren)
kombinieren. Mein Zeichnungsbuch kann ich überall benutzen. So kann ich
jeden geeigneten Inspirationshorizont anzapfen. Gerade Langeweile ist eine
ergiebige Komponistin.
Ihre Bilder wirken oft, als würden sie
aus einem Albtraum stammen, sie erscheinen in gewisser Weise surreal und
auch symbolhaft. Woher kommen die Inspirationen?
Sehr viel kommt
aus den rheinisch-katholischen Verletzungen und Verheißungen, die ich erlebt
habe und der dadurch entstandenen Empfindsamkeit für die Verletzungen und
Sehnsüchte der vielen anderen Anderen. Wie diese Bilder warum entstehen,
vermag ich nicht zuende zu erklären. Erstens bräuchten sie dann nicht gemacht
werden, zweitens wären sie für die werten Mitbetrachter kein stimulierendes
Erinnerungs-Angebot. Surrealistisch, symbolistisch??? Was spielt das für
eine Rolle? Ich bin kein Stileverwalter. Deep Soul liegt mir eher auf
der Zunge, um mal eine andere Sprache zu benutzen.

 Eiermänner, 1998
Ihre Zeichnungen,
gerade die auf Leinwand, haben teilweise wandfüllende Formate. Fertigen
Sie hierfür Skizzen und Entwürfe an oder malen Sie sie direkt auf die Leinwand?
|
Viele
der großformatigen Zeichnungsbilder haben als Ausgangspunkt Bleistiftzeichnungen.
Je nach den Erfordernissen des anvisierten Einzelbildes werden sie verändert
das heißt präziser in Form gefasst. Oft kombiniere ich auch mehrere Zeichnungen.
So wird der Erzählgehalt (hätte man früher gesagt) gesteigert. Das große
Zeichnungsbild ist jedenfalls wieder ein ganz neues Bild. Zudem gibt es
auch solche, die ganz ohne Vorzeichnung gemacht sind (so das Bild Sporenklinglers
Chance aus meiner letzten Ausstellung in der Galerie Almut Gerber, April
2002); schon um des immensen Reizes des Selbstversuches wegen.
In
den achtziger Jahren haben Sie eine Serie von "Haarzeichnungen" erstellt,
die sich dadurch auszeichnet, dass sie buchstäblich aus menschlichen Haaren
gestaltet wurde. Warum ausgerechnet dieses Material?
Vor den
Haarzeichnungen
hatte ich schon seit 1982 an großen Haarbildern (240x180cm) gearbeitet.
Ich wollte der Etikettierung als wilder, bunter Maler entgegenwirken. Die
auf einen weißlich getönten Ölgrund aufgeklebten Haarlinien verstärkten
durch ihre eher graphische Form die eigentliche Erzählfiguration. Dadurch
dass die dickeren Haarlinien aus tausend feinen zusammengesetzt waren und,
wenn nötig, auch zu richtigen Büscheln (zum Teil mit blonden 'Schattierungen')
auswucherten, entstand ein unausweichlich haptisches Gesamtbild.

 Herkömmliche Equilibristin ,1999
Die
symbolischen Aufladungen des Materials Menschenhaar sollten in keinem direkten
Zusammenhang mit der Bilderzählung stehen. Dieser spektakuläre Bildträger
sollte lediglich die Aufmerksamkeit der Betrachter auf meine Bildaussagen
lenken. Die Voraussetzung hierfür war natürlich, dass die Stärke der eigenen
Bilderfindungen besagten Materialreiz für sich einnehmen konnte. Die Haarzeichnungen
stammen aus der Endphase der Beschäftigung mit diesem Bildträgermaterial,1984/85
(übrigens Bömmels, der 'Haarkünstler', wollte ich auch nie werden).
Unter
der Überschrift "Im Namen der Dritten Natur" entstand eine Gruppe von 25
Blättern (Din A 4 Format) mit aufgeklebten reduzierten Haarfigurationen,
denen jeweils ein schreibmaschinengeschriebener Satz zugeordnet war. Zum Beispiel: "Im Namen der Dritten Natur: Wachsen die Haare nicht mehr, wächst der
Kopf." Oder: "Liebe deine Straße, gönn ihr den Tunnel!" Abbildungen dieser
Arbeiten gibt es im Katalog "Peter Bömmels - wie dich selbst", herausgegeben
vom Kunstverein beziehungsweise der Städtischen Galerie Wolfsburg,1995.
Gibt es Künstler, die Sie als Vorbilder bezeichnen würden?
Als
ich 1979 mit der Bildenden Kunst anfing, begeisterten mich als Vorbilder
eher solch genial dilettantische Bands wie Joy
Division oder Wire,
wie sie Schritt für Schritt ihr ureigenes Potential umsetzten. Ähnlich
wie sie fühlte ich mich in der Kunstszene. Wichtig für mich war anfangs
sicherlich der Rückhalt und die Auseinandersetzung in der Gruppe "Mülheimer
Freiheit" (mehr hier).
Mein ganzer Lern- und Entwicklungsprozess fand immer vor Publikum statt.
Mit der Zeit, als die eigene Bildwelt immer mehr Gestalt gewann, stellte
ich gewisse Nähen zu kunsthistorischen Positionen fest (ohne dass sie je
Vorlage gewesen wären). Ich lass mal ein paar Namen tropfen, damit der
journalistische Vergleichsdrang befriedigt wird: Die Meister der romanischen
Bildwelt, der dunkle Goya,
einige durchgeknallte nordische Symbolisten des späten 19. Jahrhunderts
- Munch,
Anna Ancher,
Ensor (hier
und hier)
-, die späten einfachen Klee-Zeichnungen aus den 30ern, Pierre Klossowski
und sein Bruder, Philip Guston, die späten Bilder von Maria
Lassnig....

 Der Schritt, 1999
Sie waren nicht nur Mitbegründer der Künstlergruppe
"Mülheimer Freiheit", sondern auch einer der ersten Herausgeber des Musikmagazins
Spex. Welche Rolle hat die Pop-Musik damals für Sie gespielt, und welche
Rolle spielt sie - speziell im Hinblick auf Ihre künstlerische Arbeit -
heute noch für Sie?
Eine direkte Bezugnahme meiner künstlerischen
Arbeit zur Pop-Musik gab und gibt es so gut wie gar nicht. Dennoch sehe
ich bei einigen Musikern benachbarte Gefühls- und Haltungswelten, mögen
das auch wohlgemerkt meine Projektionen sein. Ich nenne die künstlerische
Manie eines Bob Dylan,
der es sich nicht nehmen ließ, vollkommen daneben zu agieren (wie in seiner
Bibel-Prediger-Zeit oder bei den Alkohol-Endachtziger-Konzerten), um sich dann
um so glorreicher in abenteuerliche Neu-Interpretationen eigener Klassiker
und begnadete Neu-Schöpfungen (siehe "Time Out Of Mind" oder zuletzt das "Love
And Theft"-Album!) aufzuschwingen. Jedes Konzert ist ein neues Bild. Sich
finden durch Um-Erfinden.
Ein anderer Favorit ist Townes
van Zandt. Unvergessen bleibt mir sein Konzert 1996 in einem kleinen
Kölner Klub (32 Zuschauer). Am Abend zuvor hatte er sich bei seinem Auftritt
durch einen Sturz an der Hand verletzt, so dass er kaum Gitarre spielte,
dafür aber um so packendere Anekdoten erzählte. Er verkörperte den liebevollsten
Menschen der Welt. Jeder wusste, dass Heroin und Alkohol seinen Körper
schon fast aufgefressen hatten, doch für diese 2 Stunden hatte der Tod
Hausverbot. Es war sein allerletztes Konzert. Von den jüngeren Musikern
möchte ich noch die souveränen Leute von Lambchop
und vor allem Will
Oldham hervorheben. Während meiner Arbeit höre ich gerne der Arbeit
dieser Künstler zu.
Das Interview führten Ulrich Clewing und Oliver Koerner von Gustorf.
Abbildungen: © Peter Bömmels, Köln |